Gemeinde Wilen bei Wil wechselt zu Thurgauer Naturstrom

Kurt Enderli, Gemeindeammann

«Wir gehen den Weg entschlossen.»

Seit dem 1. Januar 2016 bezieht die Gemeinde Wilen bei Wil flächendeckend Thurgauer Naturstrom. Damit vollzieht die kleine Thurgauer Gemeinde in der Stromversorgungspolitik eine Kehrtwende. Der Gemeindepräsident Kurt Enderli berichtet, wie es dazu kam.

Kurt Enderli, wie kam es zu dieser fortschrittlichen Lösung?
In den Legislaturzielen bekennt sich der Gemeinderat zur Energiewende, also zur Ablösung der Atomenergie. In unserem Fall kommt hinzu, dass wir auch die Zielsetzungen der 2000-Watt-Gesellschaft in konkreten Projekten angehen. Wir gehen diesen Weg entschlossen. Wir haben in den vergangenen Jahren einiges für regionalen Naturstrom gemacht, aber nun wollten wir im Gemeinderat vorwärtsmachen. Wir haben festgestellt, dass wir ökologisch sauberen Strom zu wenig gut absetzen, obwohl wir von vielen Bewohnerinnen und Bewohnern wissen, dass sie den minimalen Mehrpreis sehr wohl akzeptieren würden.

Gab es auch Bedenken bei der Einführung des Systems Opting-out?
Opting-out heisst, dass alle unsere rund 1260 Abonnentinnen und Abonnenten grundsätzlich Thurgauer Naturstrom geliefert bekommen. Wenn ein Abonnent nicht bereit ist, die Mehrkosten zu tragen, muss sie oder er den Bezug von Thurgauer Naturstrom kündigen. Dann liefern wir wieder den günstigeren AKW-Strom.

Seit dem 1. Januar setzt Wilen das Projekt um. Welche Erfahrungen haben Sie bis Mitte April 2016 gemacht?
Grundsätzlich ist die Angebotsänderung sehr gut aufgenommen worden. An der Gemeindeversammlung vom 21. März 2016 haben wir noch einmal gründlich informiert. Das wurde geschätzt. Über 92 Prozent unserer Bevölkerung haben das neue Angebot akzeptiert. Rund 100 Abonnenten liefern wir wieder AKW-Strom.

Was haben Sie aus diesem Projekt gelernt, was würden Sie heute anders machen?
Wir haben uns daran gewöhnt, dass Energie günstig ist und unbeschränkt zur Verfügung steht. Es kommt aber die Zeit, in der Erdöl, Erdgas und auch Uran knapp werden. Wir sind in der Phase der Energiewende und dieser Wandel führt zu Veränderungen, die verunsichern. Wenn Sie mich fragen, was wir gelernt haben, dann ist es Folgendes: Wir haben festgestellt, dass persönliche Bürgerinformation zusammen mit Fachleuten, die Hintergrundinformationen liefern, sehr geschätzt werden. Wir werden uns dann auch wieder bewusst, dass vor 150 Jahren die Energieautarkie von Gemeinden noch der Normalfall war. Es gibt auch Beispiele im Thurgau. Die Gemeinde Hohentannen darf zu Recht stolz sein auf ihre Erfolge in Richtung nachhaltiger und lokaler Energieversorgung. Ich will damit sagen, dass Energie dann emotional erfahr- und greifbar wird, wenn die Kommunikation an konkrete Projekte geknüpft ist, die von der Bevölkerung initiiert und mitgetragen werden. Deshalb laden wir am Samstag, 17. September zu einem Wilener Mitwirkungstag ein. Ziel dieses Mitwirkungstags ist es, dass einzelne Personen (Erwachsene, Jugendliche und Kinder) und verschiedene Gruppen sich mit Zukunftsfragen beschäftigen. Themen wie Energie und Raumplanung sind gesetzt. Andere können auch von den Teilnehmenden selber bestimmt werden. Gelernt haben wir zudem, dass solche Veranstaltungen einen festlichen Charakter haben müssen. Wurst und Brot, betreute Spielecken für Kinder, Projektbereiche für Jugendliche und Beizlibetrieb gehören unbedingt dazu. Hinzu kommt: Einmal ist keinmal. Die Kommunikation zu Energiethemen wird für die nächsten Jahre ein Dauerauftrag unserer Gemeinde sein. Wir werden unter Mitwirkung der Bevölkerung Projekte entwickeln, priorisieren und umsetzen.

Energieproduktion ist komplex. Wie ist Ihre persönliche Haltung dazu?
Eine gute Frage! Neben dem gesetzlichen Auftrag zur effizienteren Energienutzung und zur Zielerreichung der Energiestrategie 2050 des Bundes habe ich mittlerweile auch eine persönliche Haltung zur Energiefrage. In meiner Funktion als Gemeindepräsident und Leiter der Geschäfte für die Elektrizitätsversorgung von Wilen habe ich einen vertieften Einblick in das Thema – das hat mir die Augen geöffnet. Der Hauptgrund, dass wir die Energiewende jetzt angehen müssen, ist meiner Meinung nach die sich abzeichnende Klimaerwärmung. Ob menschengemacht oder nicht spielt für mich keine Rolle, wenn die CO2-Reduktion etwas bringt – und davon können wir nach heutigem Wissensstand ausgehen –, dann müssen wir im Sinne der nachfolgenden Generationen wach werden und handeln. Das bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe, weil wir nur als ganze Gesellschaft vorankommen können. Deshalb ist Erfahrungs- und Wissensaustausch so wichtig.

Kurt Enderli, besten Dank für das Gespräch.